Exkurs in die Historie der Sioux-Indianer Nordamerikas
Die Indianer, die “Native Americans”, leben seit ca. 50 000 Jahren, auf dem amerikanischen Kontinent. Ethnologen nehmen an, dass sie einst aus dem nordasiatischen Raum über eine damals noch bestehende Landverbindung, die heutige Beringstrasse, eingewandert sind.
Sioux-Indianer
Das Wort „Sioux“ ist eigentlich ein Schimpfwort, welches von den benachbarten und mit den Sioux verfeindeten Chippewa ( Ojibwa, Anishinabe) gebraucht wurde. Dieses Volk nannte sich selbst „Oceti Sakowin“ ( Die sieben Ratsfeuer). Die Sioux teilen sich auf in drei Gruppen: den Nakota, Dakota und den Lakota. Die größte Nation bilden die Lakota, und diese wiederum sind aufgeteilt in sieben Stämme: den Oglala, Sicangu oder Brule, Hunkpapa, Miniconjous, Sihaspa, Itazipacola oder Sans Arcs und den Oohenupa oder Two Kettle.
Die Lebensform der Sioux
Ursprünglich lebten die Sioux als Jäger, Fischer und Sammler in den großen Waldgebieten nordöstlich von Minnesota. Mit zunehmender Besiedlung der Europäer zogen sie in der Mitte des 17. Jhrd. in die Prärie-Ebenen des Mittleren Westens .
Die Einführung des Pferdes durch die Spanier löste die Bisonkultur aus, die zur Lebensgrundlage aller Prärieindianer und somit auch der Lakota wurde. Ihr Gebiet erstreckte sich über die heutigen amerikanischen Bundesstaaten Süd Dakota, Nebraska, Wyoming und Montana. Die Black Hills wurden zum heiligen Zentrum für die Lakota. Dort befindet sich ihrem Glauben nach „das Herz der Mutter Erde“. Die Lakota galten als Krieger-, Sammler- und Jägergesellschaft mit einer tiefen spirituellen Beziehung zu „Mutter Natur“ ( Mother Earth) und dem „Großen Geist“ ( Great Spirit) oder „Großen Vater“, der alles geschaffen hat.
Die Lakota lebten nun als Nomaden in große Familienverbänden, sogenannten Tiyospayes, und zogen den Büffelherden nach. Der Büffel gab ihnen Nahrung, Bekleidung, Waffen und Werkzeug und war somit ihre Lebensgrundlage. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es in der Sioux Mythologie die „Weiße Büffelkalbfrau“ ist, die den Lakota in Form der heiligen Pfeife Weisheit und Frieden brachte.
Die Aufgaben der Stammsmitglieder waren klar verteilt. Während die Männer für die Jagd und den Schutz des Stammes zuständig waren, oblag es Frauen für Nahrung, Kleidung, Wohnraum und Ordnung im Lager zu sorgen. Aufgabe der Großeltern war Erziehung der Kinder zu erziehen, denen sie das Wissen vermittelten, das sie brauchten, um in den rauhen Bedingungen ihrer Umwelt zu leben und das sie auf ihre späteren Aufgaben vorbereitete. Oft wurden auch Männer, die nicht der engsten Familie angehörten, zu Großvätern oder Onkeln ernannt, die sich mit um die Kinder kümmerten.
Beginn des (vorläufigen) Endes einer Kultur
Durch den Bau der Eisenbahn, die quer durch das Indianerterritorium gebaut wurde, und dem immer größer werdenden Strom eindringender weißer Siedler wurde die Bisonkultur zerstört.
Dies war Auslöser erbitterter Kämpfe zwischen den Indianern und dem Militär und führte 1868 zum legendären Vertrag von Fort Laramie. Unter der Führung des charismatischen Lakotaführers Red Cloud wurde ein Gebiet (Great Sioux Nation) ausgehandelt, dass ausschließlich den Sioux Stämmen als Jagd- und Wohngebiet zur Verfügung stehen sollte. Kurze Zeit später mussten die Anführer, die nicht lesen und schreiben konnten, erkennen, dass sie und ihr Volk betrogen wurden. Die Dolmetscher hatten den Indianern das Kleingedruckte nicht übersetzt. „Das rote Volk hat sich an die vereinbarten Verträge gehalten, im Gegensatz zu den Weißen. Diese hatten sich nur an ein Versprechen gehalten, nämlich das, uns unser Land wegzunehmen und unser Volk zu zerstören „, so Red Cloud, Oglala Lakota.
Ein goldenes Zeitalter?
Nachdem Gold in den Black Hills gefunden wurde, stürmten Goldsucher das Land. Skrupellose Büffeljäger dezimierten die zahlreichen Büffelherden und entzogen den Lakota damit deren Lebensgrundlage. Es kam immer häufiger zu blutigen Zusammenstößen, die ihren Höhepunkt 1876 in der Schlacht am Little Big Horn fanden. Unter der Führung der legendären Lakota-Anführer Sitting Bull und Crazy Horse sorgten die Lakota für das erste Trauma in der (weißen) amerikanischen Geschichte. Sie besiegten den Helden der Nation, General George Armstrong Custer, bekannt auch für seine vielen Greueltaten an Indianern. Sein Tod löste eine weitere Welle von Militärangriffen auf die Sioux aus, und man versuchte dieses Volk auszulöschen. Dieser Versuch des Völkermordes wird auf subtile Weise bis heute noch an den Indianern ausgeübt.
1889 konfiszierte die amerikanische Regierung aufgrund der Goldfunde die Black Hills mit mehr als 7,7 Millionen Acres Land. Die Black Hills waren (und sind immer noch) religiöses und spirituelles Zentrum der Sioux. Verheerende Epidemien (die z.T. vorsätzlich von den Weißen unter den Indianern verbreitet wurden) und Missernten ließen Ende des 19. Jahrhunderts viele Indianer qualvoll sterben .
Wounded Knee
15 Jahre nach Little Big Horn kam es zum Massaker am Wounded Knee. In einer verheerenden Schlacht wurden hier über 300 Indianer – überwiegend Frauen, Kinder und Alte – von den amerikanischen Streitkräften ermordet. Diese Schlacht ging als Ende der Indianerkriege in die Geschichte ein. Und es war das Ende des indianischen Traums eines Lebens in Freiheit und der Bewahrung ihrer Traditionen, Sitten und Bräuche.
Die „Organisation“ eines Genozids
Bis 1871 wurden die indianischen Stämme Nordamerikas als souveräne Nationen anerkannt. Dies zeigt sich deutlich hinsichtlich der bis zu diesem Zeitpunkt abgeschlossenen Verträge, welche von der amerikanischen Regierung und einzelnen Stämmen abgeschlossen wurden ( siehe: Amerikanische Verfassung Artikel 8).
Ab 1871 wurde den Stämmen das Recht der Eigenständigkeit und Selbstverwaltung abgesprochen und deshalb auch keine Verträge mehr abgeschlossen. Die indianischen Nationen wurden zu Mündel degradiert, die Häuptlingsgesellschaft abgesetzt und das BIA (Bureau of Indian Affairs) als deren Vormund eingesetzt. Allerdings wurde offiziell festgelegt, dass die bis dahin abgeschlossenen Vertragsvereinbarungen auch weiterhin ihre volle Gültigkeit behalten würden, auch in Punkto „Souveräne Nationen“.
In der folgenden Zeittafel soll die Entwicklung der Ereignisse der letzten 150 Jahre der Geschichte der Native Americans aus einer anderen Perspektive als der der Regierung der USA dargestellt werden:
1871 bis 1934 : Genozid, Massaker, kulturelle Unterdrückung, Zerstörung der Tradition und Lebensgrundlage, Landenteignung , Zwangsumsiedelung in Reservate.
Seit dem Massaker am Wounded Knee 1873 versuchte die Regierung der Vereinigten Staaten die Indianer „legal“ auszurotten. So wurde es ihnen verboten, die eigene Sprache zu sprechen. Kinder wurden den Familien zwangsweise weggenommen und in (meist christlichen) Internaten untergebracht. In einer dieser boardingschools zu landen bedeutete für junge Native Americans nicht nur gegen ihren Willen gewaltsam aus Familie und dem bisherigen Leben herausgerissen zu werden. In den boardingschools wurden ihnen die langen Haare kurzgeschoren, sie wurden in Schuluniformen gezwungen, es wurde ihnen verboten in ihrer Sprache zu sprechen, ihre Lieder zu singen, ihren Glauben zu praktizieren. Durchgesetzt wurden diese Ge- und Verbote mit brutalster physischer und psychischer Gewalt, mit Entwürdigung, (sexuellen) Misshandlungen und Freiheitsentzug.
Regierungsziel war es, das traditionelle Stammessystem zu zerstören, und dazu war jedes Mittel recht.
Die indianische Bevölkerung hatte es nach den jeweiligen Reservatszuteilungen schwer, wieder eine Lebensgrundlage zu finden. Nomadenvölker wie die Lakota hatten darunter besonders zu leiden. Die von der weißen Regierung versprochenen Geldzahlungen und die Verteilung von Lebensmittel und Bekleidung funktionierte meist gar nicht und wenn, dann nicht zuverlässig. Die meisten Lakota litten an Hunger, viele starben an Unterernährung. Für manche Männer war die Teilnahme an Wild West Shows oft ein Ausweg ihre Familien zu ernähren. Sie waren teilweise jahrelang unterwegs, oftmals sogar bis nach Europa. Große Wild West Shows wie z.B. Bill Codys Darbietungen ( Buffalo Bill Wild West Show), Zirkus Sarasani oder Hagenbeck/Hamburg holten ihre Mitwirkenden vorrangig auf der Pine Ridge Reservat.ion
Anfang des 20. Jahrhunderts gelang immer mehr Lakotas die Umstellung auf Ackerbau und Viehzucht und ab ca. 1930 konnte man die Lebensumstände für viele Reservatsindianer als erträglich, teilweise gut bezeichnen.
Verglichen mit der heutigen Zeit kann man sogar behaupten, dass es den Lakota auf der Pine Ridge Reservation in wirtschaftlicher, sozialer und gesundheitlicher Hinsicht wesentlich besser ging.
Sie konnten weitestgehend an ihren althergebrachten, für sie wichtigen Lebensformen und – bräuchen festhalten. Im Gegensatz zu heute waren die meisten Familien Selbstversorger. Sie hatten eigene Gärten oder arbeiteten in Gemeindegärten mit. Frauen und Kinder sammelten Wildgemüse, Beeren und sonstige essbare Pflanzen, und das zu allen Jahreszeiten (im Winter z.B. die an den Zweigen angetrockneten Beeren). Die Familien zeigten eine enge Verbundenheit zueinander. Es gab keine Lebensmittelmarken, keinen Warenhandel, keine Subventionen, stattdessen: ein gesundes Volk und Unabhängigkeit, das an härteste und karge Lebensbedingungen gewohnt war.
Dies änderte sich in den Fünfzigern, als die Regierung Maßnahmen erließ, die den Lebensstiel der Lakota gravierend verändern sollten. Diese einschneidenden Regierungsmaßnahmen, die oberflächlich betrachtet wie humane Hilfestellungen von Seiten der Regierung aussahen, entpuppten sich als Instrument einer unmenschlichen Assimilationspolitik, die zu Unselbständigkeit und Verlust der bisherigen Werte und der besonderen Kultur führten und die Indianer dem American Way of Life anpassen sollten.
Unter Vorgabe von Arbeitsplatzbeschaffung wurden von der
Regierung Um-
siedlungsprogramme gestartet, um Reservatsindianern in Großstädte
zu locken, wo sie nicht mehr dem Aufgabenbereich des BIA (Bureau
of Indian Affairs) unterstanden. Versprochen wurden Arbeit
und Unterkunft und Reisekosten für die Hinfahrt (nicht
Rückfahrt!)
Ziel: Schwächung der Stammesstrukturen und Auflösung der Stammesverbände. Reservatsentvölkerung und Aufgehen der Stadtindianer in die Normen der weißen Gesellschaft der USA.
Die Indianer, welche diesem Programm folgten, erwartete starker Rassismus und Arbeitslosigkeit. Soziale Hilfeleistungen entfielen ebenfalls, da diese nur an Reservatsindianer entrichtet wurden. Aufgrund großer Entfernungen entfielen die für Indianer so wichtigen Familienbande. Sie endeten in Alkohol- und Drogensucht, oder fielen gewalttätigen Auseinandersetzungen zum Opfer und wurden oftmals Zielscheibe rassistischer Schikanen.
Als Assimilationsdruckmittel wurde am 09.06.1953 vom U.S. Kongress die Resolution Nr. 1084 verabschiedet. Ziel war es, die Ureinwohner mit gleichen Rechten und Pflichten eines jeden anderen amerikanischen Bürgers auszustatten.
Tatsächlich bedeutete dies in Wirklichkeit Entzug des Sonderstatus aller Reservationsbewohner und damit verbundenen Vergünstigungen. Dass es sich bei diesen Vergünstigungen um vertraglich vereinbarte Verpflichtungen handelte, als Gegenleistung zu den (Zwangs-) Landesabtretungen von Seiten der Indianer an die U.S.A., wird wissend übergangen. Besonders betroffen waren die Programme im Bildungs- und Sozialbereich.
Der Stammstatus wurde von der amerikanischen Regierung nicht mehr anerkannt.. Rechtsprechung von Straf- und Zivilrecht wurde von den Stämmen auf die jeweiligen Bundesstaaten übertragen, was zu einer verstärkten Aussetzung der Willkür lokaler Behörden führte ( Termination by Assumption of Jurisdiction over Indian Country = Terminierung durch Übernahme der Rechtsprechung über indianisches Land)
1956: Start der Subventionen, „Cluster Housing“ und sozialen Hilfeleistungen::
Was auch hier auf den ersten Blick als humane Regierungsmaßnahme erscheint, zeigt sich bei näherer Betrachtung als weiterer Schritt, indianische Nationen in die Abhängigkeit und Entmündigung zu treiben.
Die politischen Maßnahmen der 50 Jahre hatten innerhalb kurzer Zeit katastrophale Folgen für die Indianer. Auch den Lakota wurde nach dem Genozid des vergangenen Jahrhunderts noch einmal die neu aufgebaute (siehe oben) Lebensgrundlage zerstört.
Laut Statistiken kam es in der Zeit von 1954 und 1962 zur Auflösung von mehr als 100 Stämmen. Das damit verbundene Elend führte zu massiver Depression und Resignation. 1957 wich die Regierung langsam wieder vom Termination Programm ab.
1970: Ende der Terminationspolitik
Erste ernstzunehmende Umkehrversuche wurden zwar schon unter J. F. Kennedy unternommen, aber erst 1970 wurde unter Präsident Nixon offiziell der Terminationspolitik ein Ende gesetzt. Wäre es nicht die U.S.A., würde man die o.g. Regierungsprogramme als „Ethnische Säuberung“ bezeichnen.
1968: American Indian Movement
1968 entstand das American Indian Movement (AIM). Red Power
wurde zum Kampfruf der Native Americans gegen die jahrhunderte
lange Unterdrückung und den fortgesetzten latenten Genozid
an den Ureinwohnern Amerikas. 1969 fand die erste spektakuläre
Aktion statt: die Besetzung der Gefängnisinsel ALCATRAZ.
1972 gab es den „ March of broken Treaties“ (
„Marsch der gebrochenen Verträge“) Washington.
Als BIA-Beamte ihr Versprechen nicht einhielten, den Stammesältesten
Unterkünfte zu besorgen und im Weißen Haus auch
nicht die angekündigten Gesprächstermine eingehalten
wurden, besetzten die Indianer spontan 7 Tage lang das BIA-Gebäude,
nur ein paar Blocks vom Weißen Haus entfernt. Zur gleichen
Zeit hielten AIM-Aktivisten den Ort WOUNDED KNEE in der Pine
Ridge-Reservation besetzt. In diesem Konflikt eskalierte die
militärische Gewalt der Staatsmacht. US-Marshals, FBI-Agenten,
paramilitärische Gruppen des korrupten Stammesvorsitzenden
Dick Wilson (GOONS) und weiße Bürgerwehr feuerten
mehr als 250000 Schüsse auf die BesetzerInnen ab. Unter
dem Kommando des späteren Nato-Oberbefehlshabers Alexander
Haig wurden 17 Panzer, 12 Raketenwerfer, F4 Phantombomber,
Kampfhubschrauber und jede Menge CS-Gas eingesetzt, um den
Widerstand der Besetzer zu brechen. Die Militäroperation
kostete mehr als 1 Milliarde US-$: mehr Geld als seit 1870
seitens des US- Staates für die Unterstützung der
Menschen in Pine Ridge investiert wurde. 2 Native Americans
wurden erschossen - eher ein Wunder, dass die Zahl der getöteten
Besetzer nicht höher war. Peltier, der in Wounded Knee
nicht dabei war, engagierte sich seit seiner Flucht bei den
Sicherheitskräften des AIM und kam so 1975 erneut nach
Pine Ridge.
Alte Traditionen und Werte
In diesen Zusammenhängen versuchten verschiedene spirituelle Führe, Medizinmänner und Häuptlinge, das Volk zu motivieren, sich auf seine traditionellen Werte zu besinnen. Sie versprachen sich davon Stärkung ihres Volkes und Motivation, sich gegen die o.g. Regierungsmaßnahmen zu wehren und die Rasse zu erhalten und langfristig auch die Einhaltung der geschlossenen Verträge (wie oben beschrieben) von Seiten der Regierung. Vor allem kämpfen sie darum, ihr Land zurückzuerhalten, dass für sie eine Lebensgrundlage darstellt.
Um diesen Wert zu begreifen, muss man sich mit den näher mit dem Glaubenssystem der Indianervölker, und im Zusammenhang mit dieser Arbeit der Lakota auseinandersetzen.
Religiöse Vorstellungen, Bräuche und Riten
Die indianische Religion und die ganze Lebensweise drückt
sich in einer ausgeprägten Spiritualität aus. In
den indianischen Traditionen ist alles vom Schöpfer Erschaffene
beseelt, egal, ob es belebt oder unbelebt ist. (Genau genommen
gibt es nichts, dass nicht belebt ist ... sogar die Steine
leben.) Die Beziehungen zwischen den Menschen, Mutter Erde,
den Tieren und den Vorfahren sind genau festgelegt. Die Erde
sorgt für die „Zweibeiner“ – die Menschen
- ebenso wie für alle anderen Kreaturen. Von den Menschen
wird folglich erwartet, dass sie die Erde mit Respekt behandeln.
Viele „Vierbeiner“ - die Tiere - opfern sich bereitwillig
als Nahrung und Kleidung der Menschen und müssen daher
geachtet werden. Die in den Gefilden der Geister weilenden
Vorfahren schenkten den jetzt Lebenden das Leben und auch
sie sind dafür zu achten. Schließlich müssen
die Menschen ihre Verwandten respektieren und füreinander
sorgen, um überleben zu können. Dieses komplexe
System gegenseitiger Achtung drückt sich nicht nur im
täglichen Leben, sondern auch in den Ritualen und Zeremonien
aus. In jedem traditionellen Ritus und in jeder Zeremonie
wird jener Geist verehrt, der alle Dinge auf Erden vereint
und ihre heilige Verbindung bekräftigen.
Das spirituelle Leben der einzelnen Indianernationen ist einzigartig
und eng mit der spezifischen Umgebung verknüpft. Gewisse
Grundkonzepte und Haltungen sind jedoch allen gemeinsam. Es
ist der Glaube an den Spirit, jene Kraft des Geistes, die
„Medizin“, die allen Dingen innewohnt. Jede Pflanze
und jedes Tier, selbst der Boden und die Steine besitzen eine
Seele, die ihrerseits wieder von anderen Seelen abhängig
ist. Die Zyklen der Natur sind Zeugnisse des ewigen Kreislaufs
und der immerwährenden Zeitlosigkeit der Schöpfung.
Einige Völker betrachten die Kräfte die unsere Welt
formen, als eigenständige Wesen die in Form natürlicher
Phänomene wie des Windes oder des Wassers, des Getreides
oder eines Tieres in Erscheinung treten. Diese Wesen sind
wie Verwandte, und die Rechte und Pflichten, die sich aus
dieser Verbindung ergeben, strukturieren das gemeinsame Leben.
Andere Völker sehen in den kosmischen Mächten formlose,
mystische Energien. Beispiele sind der Manitu bei den Algonkin,
Wakan bei den Lakota und Sila bei den Baffin-Bay-Inuit.
Jedes Volk hat seine eigenen Mittel und Wege, wie es Verbindung mit den kosmischen Mächten aufnimmt, wie es die Medizin reguliert und nutzbar macht. Einzelne Indianer bemühen sich um die Fähigkeit, mit den Geistern direkt in Verbindung zu treten; anderen wurde diese Gabe in die Wiege gelegt oder infolge einer Lebenskrise geschenkt. Doch jeder muss den Geistern Tag für Tag gebührende Beachtung schenken. Er ist Ihnen diese schuldig, einfach, weil er lebt. Kategorien wie Gut und Böse besagen, ob diese Verpflichtungen erfüllt wurden oder nicht. Ein Versäumnis ist ein Zeichen von Respektlosigkeit und bringt die Balance und Harmonie der Welt aus dem Gleichgewicht. Die meisten Tugenden sollen daher den notwendigen Respekt sicherstellen, so dass die kosmische Harmonie gewahrt bleibt und das Überleben der Gemeinschaft garantiert ist.
Für die Indianer sind Natur und spirituelle Energie untrennbar miteinander verbunden: Der Geist ist allen Dingen innewohnend und alle Dinge sind Teil der Natur. Die Erde ist das Zentrum dieser Vorstellung. Sie ist der Ursprung eines ewigen Kreislaufs von Zeugung, Tod und Regeneration, den alle Dinge zu durchlaufen haben. Die Erzählungen der Indianer gehen oftmals davon aus, dass die Erde als Gastgeber der Menschheit fungiert. Viele indianische Traditionen sehen den Menschen spirituell tief in der Erde verwurzelt, da sie ihm das Leben schenkt, ganz so, wie sie auch den Pflanzen Halt gibt. Alle Wesen müssen sich die Erde teilen, jeder ist dem anderen gegenüber verantwortlich, keiner dem anderen übergeordnet.
Diese Haltung steht im Widerspruch zur jüdisch-christlichen Tradition, der zufolge Gott den Menschen als Herrn über die Erde und alle Kreaturen einsetzte. In den indianischen Traditionen werden die Tiere in hohem Ausmaß verehrt, und einige Völker glauben, dass sie die Welt erschaffen haben. In der indianischen Vorstellungswelt besitzen Tiere genau wie Menschen einen Geist und sie unterhalten ein komplexes, wechselseitiges Beziehungsgeflecht zu Menschen, Tieren und der Erde. Oft spielen Tiere eine wichtige Rolle bei der Unterweisung des Menschen. Im Zentrum jeder Indianerkultur steht die unumstößliche Verehrung der Umwelt. Die Landschaft gilt als heilig und ist eine Quelle der Identität und Kraft.
So kreist auch die Weltanschauung der Lakota zu einem großen Teil um beobachtete Tierkräfte - zum Beispiel die physische Kraft des Büffels, die Schnelligkeit der Antilope, die Kühnheit des Adlers und Wiesels und vielen mehr weiter - doch wird eine unsichtbare Macht im Universum anerkannt, was in verschiedenen Sprachgruppen freilich verschieden zum Ausdruck kam.
Sie haben ein komplexes Geistwesensystem, das eng miteinander verwoben ist. So verehren sie die vier Himmelsrichtungen und die Geister, die hier wirken, ebenso wie die Geister der vier Winde, etc. Alle diese Geister haben bestimmte Aufgaben, die das System der Welten zusammenhalten und die Regeln und Werte aufstellen. Allen übergeordnet ist Wakan Tanka oder auch liebevoll Tunkashila (Großvater) genannt.
Dieser Gottesbegriff hatte aber nichts mit dem Gedankenbild des christlichen Schöpfers gemein. Wakan Tanka, das “Große Geheimnis“, war Ursprung und Quelle jeder Kraft und “beseelte“ alle Geschöpfe und Gegenstände, lebende wie tote (Genaugenommen gibt es in dieser Religion keine toten Dinge, auch die Steine leben z.B.). Diese, alle Körper und Naturerscheinungen beflügelnde, unpersönliche, anonyme Macht, die an sich weder gut noch böse war, sehen, spüren und riechen die Lakota auf Schritt und Tritt. Sie glauben also, die Welt sei geheimnisvoll in Wakan Tanka gebettet, so dass die Gottheit in allen Dingen wirkt, ohne selbst “in der Welt“ zu sein.
In ständigem Kontakt mit dem “Großen Geheimnis“ stehen die „Medizinmänner“. Diese heiligen Männer der Lakota sind spirituelle Männer. Spiritualität ist für sie die Basis ihrer heilenden Tätigkeit und der Grundstock für ein erfülltes Leben. Er fungiert als Mittler und Vermittler zwischen den Menschen und den Geistern, vor allem wenn es um Jagd, um das Wetter, um Krieg oder Unglück ging. Er ist eine Schlüsselfigur in der Gesellschaft aller nordamerikanischen Indianer.
Seine „Macht“ erhält der Medizinmann durch eine Vision. Er sucht einen bestimmten, einsamen, heiligen Platz auf und bleib dort mehrere Tage ohne Essen und Wasser. Während dieser Zeit wird ihm eine Vision von Wakan Tanka geschenkt. Die Männer, die diese Visionssuche auch mehrfach erfahren haben, können in die Zukunft sehen und die Geister um Rat und Hilfe fragen.
Zeremonien
Bis 1970 waren den Indianern sowohl innerhalb als auch außerhalb der Reservate alle religiösen Zeremonien verboten. Mit Chief Archie Fire Lame Deer, Medizinmann und spiritueller Führer der Lakota, kamen Veränderungen in Gang, die dazu beitrugen, das 1970 während der Carter-Regierung das Gesetz zur Religionsfreiheit der Indianer verabschiedet wurde. In der Folge entstand ein weltweites Interesse an und Bewusstsein für indianische Religionen. Viele Stämme und „Medizin“-Leute teilen inzwischen ihre alten Zeremonien mit der ganzen Welt, in der Hoffnung ein anderes und neues Bewusstsein zu schaffen, das von Verantwortlichkeit und Respekt geprägt ist.
Die heutige Verbreitung indianischer Lehren, Schwitzkuren und Seminare ist beispiellos. Was wir heute im Ansturm auf indianische Bewusstsein-Workshops, Seminare, Visionssuche und Schwitzkuren erleben, ist allerdings manchmal nur noch eine Verzerrung der Tradition. Wenn diese Veranstaltungen vielleicht auch wertvolle Erfahrungen liefern, ist doch viel Weisheit des alten Wissens und Traditionsreichtums verwischt oder völlig verloren. So wie beim Inipi oder bei der Schwitzhütte ist die Schönheit, Kraft und Heiligkeit der Zeremonie häufig herausdestilliert und verzerrt.
Im Kern aller indianischer Lehren steht die Botschaft, im Einklang mit der Erde zu wandeln. Alle Rituale und Zeremonien sind darauf abgestimmt, Bewusstein für dieses intime Gleichgewicht mit den sichtbaren und unsichtbaren Kräften der Mutter Erde zu schaffen. Alle Zeremonien und Rituale, dienen dazu, sich mit der Geistwelt in Verbindung zu setzen, ihr zu danken und ihr Respekt zu erweisen.
In dieser Arbeit befasse ich mich mit einer über Jahrtausende überlieferten Zeremonie. Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich darauf hinweisen, dass dieses Ritual in verschiedenen Traditionen abgehalten wird und darum in seiner Durchführung variiert. Das hier beschriebene Instrument der Inipi (Schwitzhütte) ist die Überlieferung der Tradition, wie sie von Archie Fire Lame Deer, auch in Europa, gelehrt wurde. Sie ist nicht Ausdruck einer Religion, sondern ein Instrument der Schöpfung, deren Sinn und Wirkung mit allen Religionen dieser Welt „kompatibel“ ist.
Geschichte des Schwitzens
„Schon vor 5000 Jahren war den Indern die therapeutische Anwendung heißer Bäder bekannt. Die Ägypter hielten für ihre Besucher Säle mit heißer Luft bereit, und das Rom Kaiser Konstantins zählt 850 öffentliche Thermen... Mit dem Untergang des Römischen Reichs verschwanden auch seine Badeanstalten. Die Araber führten sie wieder in Spanien ein. Später kamen sie auch durch die Kreuzzüge in ganz Europa in Mode. Jeder Landesherr, der etwas auf sich hielt, besaß nun ein Bad. Während man sich im sechzehnten Jahrhundert nach der Arbeit in den öffentliche Bädern traf, wurden diese im siebzehnten Jahrhundert verboten, um im neunzehnten unter dem Namen russische Bäder wieder aufzutauchen. Heute ist in Europa vor allem die finnische Sauna beliebt. Doch ist hier die spirituelle Seite des Schwitzens verloren gegangen.
Bereits die Völker, die vor den Kelten und Germanen
in unseren Gegenden wohnten, kannten ein Schwitzritual das
denen der Lakota ähnelt.“
Christian Rätsch schreibt in seinem Buch Räucherstoffe-
Der Atem des Drachen (AT-Verlag, 1996): „In der Kaukasusgegend
gibt es prähistorische Funde von Schwitzhütten aus
der Eiszeit. Sie bestanden aus den Rippenknochen von Mammuts.
Die Skythen, indogermanische Reitervölker, die zwischen
Osteuropa und Ostasien die Steppen durchstreiften, hatten
Schwitzhütten und Zeremonien, die an indianische Formen
erinnern.“ Entsprechende Details erfahren wir bei Herodot
(etwa 485 – 425 v. Chr.), die er in seinen Büchern
der Geschichte (IV,75-75) der Nachwelt überlieferte:
„Nach dem Begräbnis aber reinigten sich die Skythen
auf folgende Art: Nachdem sie sich die Köpfe gewaschen
und gesalbt haben, machten sie mit dem Körper folgendes:
Nachdem sie drei gegeneinander gekehrte Stangen aufgestellt
haben, breiten sie darüber wollene Filzdecken aus, und
nachdem sie diese möglichst dicht zusammengestopft haben,
werfen sie aus einem Feuer glühende Steine in eine Wanne,
die inmitten des durch die Stangen und Filzdecken gebildeten
Raumes steht. ...Vom Samen dieses Hanfes nahmen die Skythen,
wenn sie unter das Filzzelt schlüpfen, und werfen ihn
auf die glühenden Steine; das gibt dann einen Qualm und
einen Dampf, dass kein hellenisches Schwitzbad dagegen ankommt.
Die Skythen fühlen dabei ein wohliges Behagen, dass sie
vor Lust aufjubeln.
Schwitzhüttenrituale waren früher über ganz Nordamerika verbreitet. Uns sind heute noch viele Berichte von Missionaren und Abenteurern darüber erhalten. So schrieb der Jesuitenpater Lafiteau 1724:
„Das Schwitzen ist ihr Universalheilmittel, von dem
sie großen Gebrauch machen. Die Kranken werden dadurch
überschüssige Gefühlsregungen los, die ihren
Gesundheitszustand negativ beeinflussen und so bestimmte Krankheiten
hervorgerufen haben. Die Schwitzhütte ist eine runde
sechs bis sieben Fuß hohe Hütte in der 7 bis 8
Leute Platz haben. Sie wird durch Matten und Felle luftdicht
abgeschlossen.
In ihre Mitte legt man ein paar Steine, die zuvor lange im
Feuer erhitzt wurden. Darüber wird ein Kessel kalten
Wassers gehängt. Die, die schwitzen wollen, gehen dann
in die Hütte, und das nackt. Beginnen die Steine abzukühlen,
erwecken sie die Hitze gleichsam wieder zum Leben, indem sie
gelegentlich etwas von dem kalten Wasser darüber gießen.
Kaum berührt dieses Wasser die Steine, erfüllt Dampf
die ganze Hütte, was die Hitze stark ansteigen lässt...
Ihr Körper beginnt überall Schweißtröpfchen
zu bilden, und wenn all ihre Poren geöffnet sind und
ihnen überall der Schweiß rinnt, kommen sie aus
der Hütte, singen und springen in den Fluss...
Das Schwitzen ist jedoch nicht nur bei den Wilden Nordamerikas
sondern auch in zivilisierten Religionen gebräuchlich,
um Fremde zu empfangen.“
Schwitzhüttenzeremonie in Lakotatradition
Bei den Lakota gibt es sieben Zeremonien, die ihnen von Wakan Tanka mittels der Weißen Büffelkalb Frau geschenkt wurden. Diese erschien nach der Überlieferung zu einer Zeit, als Häuptlinge der Lakotastämme anfingen, ihre Macht zu missbrauchen, das Volk zu unterdrücken und sich auf Kosten der Stammesmitglieder zu bereichern. Zum besseren Verständnis soll diese Sage als ein Teil der Mythologie hier wiedergegeben werden:
Die Geschichte des Großen Weißen Büffels
So wie Joseph Chasing Horse sie erzählte
Wir Lakota haben eine Prophezeiung über ein weißes
Büffelkalb. Die Prophezeiung entstand um ein heiliges
Medizin-Bündel und eine heilige Friedenspfeife, die uns
vor etwa 2000 Jahren übergeben wurde von einer Person,
die bei uns als “Weißes-Büffelkalb-Frau“
bekannt ist. Die Sage erzählt, dass sie damals zwei Kriegern
erschienen sei, die gerade auf der Büffeljagd waren in
den heiligen Black Hills von South Dakota. Sie sahen ein weißes
Büffelkalb, dass sich - als sie näher kamen - in
ein wunderschönes junges Indianermädchen verwandelte.
In diesem Moment hatte einer der Krieger “böse
Gedanken“ und so befahl ihm das junge Mädchen einen
Schritt nach vorne zu treten. Und als er dies tat, hüllte
eine dunkle Wolke seinen Körper ein. Und als die Wolke
verschwunden war, waren von dem Körper des Kriegers mit
den “bösen Gedanken“ nur noch die Knochen
übrig: Blut und Fleisch war verschwunden. Der andere
Krieger fiel auf die Knie und begann zu beten. Und während
er betete sagte ihm das Mädchen, dass er zurück
zu seinem Volk gehen und sie vorwarnen sollte, dass sie in
vier Tagen kommen und ihnen ein heiliges Medizinbündel
bringen würde. Der Krieger tat wie ihm geheißen.
Er ging zurück zu seinem Volk und versammelte die Ältesten
und all die Führer und das ganze Volk, um ihnen zu berichten,
was ihm angewiesen worden war. Und genau wie sie es sagte,
erschien sie am vierten Tag. Sie sagen, eine Wolke kam vom
Himmel und aus dieser Wolke stieg das weiße Büffelkalb.
Während die Wolke zur Erde rollte, stand das Kalb auf
und wurde zu diesem wunderschönen, jungen Mädchen,
das ein heiliges Medizinbündel in den Händen hielt.
Als sie den Kreis der Menschen betrat, sang sie ein heiliges
Lied und gab das heilige Medizinbündel den Menschen.
Sie verbrachte danach vier Tage mit unserem Volk und lehrte
sie Dinge über das heilige Bündel, die Bedeutung
dessen. Sie lehrte sie sieben heilige Zeremonien. Die erste
war die “Sweatlodge“ oder die “Reinigungszeremonie“.
Die zweite war die Namensgebungszeremonie, den Kindern einen
Namen zu geben. Die dritte war die Heilungszeremonie. Die
vierte war die “Schaffen von Verwandten “ - oder
Adoptionszeremonie. Die fünfte war die Heiratszeremonie.
Die sechste war die Suche nach Visionen. Und die siebte war
die Sonnentanzzeremonie. Sie brachte uns diese sieben Zeremonien
und lehrte unserem Volk die Lieder und Traditionen. Sie lehrte
unser Volk, dass solange wir diese Zeremonien durchführen,
würden wir Schützer und Wächter von heiligem
Land sein. Sie sagte uns, dass solange wir uns um das Land
sorgen und es respektieren, solange würde unser Volk
nicht sterben. Nachdem sie fertig war mit der Unterrichtung
unseres Volkes, verließ sie uns so wie sie gekommen
war. Doch bevor sie ging, wandte sie sich noch einmal an das
Volk und sagte, dass sie eines Tages zurückkommen werde,
um das heilige Medizinbündel wieder zu holen. Und sie
ließ das heilige Bündel zurück, das wir bis
zum heutigen Tage besitzen. Das heilige Medizinbündel
ist bekannt als “Weiße-Büffelkalb-Pfeife“
[der markanteste Inhalt des Bündels war offenbar eine
Friedenspfeife, Anm. des Autoren]. Es befindet sich an einem
heiligen Ort (Green Gras) in der Cheyenne River Indianerreservation
in South Dakota. Es wird von einem Mann aufbewahrt, der bekannt
ist als der Bewahrer der Weißen-Büffelkalb-Pfeife,
Arvol Looking Horse. Als Weißes-Büffelkalb-Frau
ihr Versprechen zurückzukehren gab, machte sie einige
weitere Prophezeiungen. Eine dieser Prophezeiungen besagt,
dass die Geburt eines weißen Büffelkalbs ein Zeichen
sein wird, dass sie bald zurückkehrt, um die Welt erneut
zu reinigen. Was sie damit meinte ist, dass sie der Welt die
Harmonie und spirituelle Ausgeglichenheit zurückbringen
wird. Es sei erwähnt, dass wir, viele der Medizinleute,
die spirituellen Führer, die Ältesten nach der Geburt
von Miracle beten für die Welt. Wir beten, dass die Menschheit
aufwacht und über die Zukunft nachdenkt, denn wir haben
diese Erde nicht von unseren Vorfahren geerbt, sondern von
unseren ungeborenen Kindern geliehen .
In der Nähe von Eagle Butte in South Dakota werden von
der Looking Horse Familie zwei sehr alte Pfeifen aufbewahrt.
Eine davon, gemacht aus dem Beinknochen eines Büffels,
wegen ihres Alters zu zerbrechlich und spröde zum Rauchen,
soll jene heilige Pfeife sein, die die Büffeljungfrau
den Menschen brachte. „Ich weiß es,“ sagte
Lame Deer. „Ich habe mit ihr gebetet. Vor langer Zeit.“
John Fire Lame Deer war ein berühmter „heiliger
Mann“ der Sioux. Ein Enkel des ersten Häuptlings
Lame Deer, des großen Kriegers, der gegen Custer kämpfte
und während eines Geplänkels mit General Miles ums
Leben kam. Lame Deers Sohn Archie führt seine Arbeit
als Medizinmann und Unterweiser des Sonnentanzes fort.
Die Sweatlogde – Inipi
Das INIPI ist das Schwitzhüttenritual der Lakota – Ini bedeutet in der Lakotasprache schwitzen, pi bezeichnet die Mehrzahlendung bei Verben. So heißt Inipi in der Lakotasprache „sie schwitzen“. Ethymologisch gesehen steht Ini in Zusammenhang mit dem Wort Ni, das „Atem, Leben“ bedeutet.
Innerhalb seines Stammes der Minneconju Sioux, Rosebud Reservat, hat Chief Archie Fire Lame Deer aus dem Zusammenschluß der Familien Lame Deer und Quick Bear den Rang eins „Wichasha Wakan“ oder „Heiligen Mannes“ inne. Er bringt ein reiches Vermächtnis aus traditionellen Schwitzhütten-Lehren mit. Diese Traditionen stellen das einzigartige Erbe der Familien Lame Deer und Quick Bear dar und können von daher von Lehren abweichen, die auf anthropologischer Forschung oder anderen indianischen Lehren basieren. Die heilige Inipi-Zeremonie ist ein altes Heilung- und Reinigungsritual das in der Lakota-(Sioux-) Kultur schon Tausende von Jahren existiert.
„Die Hütte hat mir einen wahren Weg der Verbindung zur Erde gegeben – wodurch ich mich sicher auf der Erde und in den Wäldern und Sümpfen fühle. Sie lehrte mich, still zu sein, den sanften Stimmen des Großen Geistes in der Natur zu lauschen und den Widerschein Gottes in jedem Blatt und Stein zu sehen. Sie half mir, meinen Platz in der Beziehung zu unseren Brüdern und Schwestern auf der Erde zu finden – den Insekten, Tieren, Vögeln, Pflanzen, Menschen, die alle vom Schöpfer hierher gebracht wurden, um in einer Symphonie des Lebens gemeinsam zu existieren. Sie hat mir zu einem neuen Verständnis von Zeit verholfen, denn in der geistigen Welt gibt es keine Uhren. Die Hütte ist Gemeinschaft, Verbindung mit dem Großen Geist, innerer Vision. Die Hütte bedeutet, in der Dunkelheit voller flackernder Lichter zu beten, die Gebetsschleifen über dem Kopf zu fühlen, Hunderte von Gebetspäckchen über dem Kopf zu fühlen, Hunderte von Gebetspäckchen der Luft und dem Feuer zu überlassen, damit sie zum Großen Geist emporsteigen. Die Hütte ist das scharfe Aroma aus Salbei, süßem Gras, Tabak! Sie ist das Singen der heiligen Lieder, die die Menschen mit den Jahrtausende alten Vorfahren und Geistern verbinden. Die Hütte ist Gebet, Danksagung, Lachen, Weinen – die sichtbaren Schritte zur Heilung und die Reinigung des Geistes“
„Erinnerungen an die vergangene Zeit..., Zeit zu sein ..., die Alten ..., Großväter und Großmütter....Mein Volk kennt Zeit nicht nach dem Klang von Klingeln und Glocken, sondern dadurch, dass sie von einer starken Erfahrung zur anderen übergeht. Lebenskraftspender tauchen auf; Regen, Hagel, Graupel und Tränen. Vorbereitung zum Inipi; Atem des Großvater. Die Reinigungszeremonie die auch als Schwitzhütte bekannt ist. Die Sorgfalt, die wir zur Vorbereitung aufwenden, dient dem, was uns neues Leben gibt. ...Wenn die Sonne den Zenit erreicht, fangen wir an, indem wir das heilige Feuer bereitstellen. . Wenn die Sonne untergeht, sind wir alle bereit, um teilzuhaben, uns einzubinden und in Mutter Erdes Leib einzugehen, auf dass wir noch einmal beginnen..., Wakan Tankas Atem atmend. Gemeinsam beginnen wir, indem wir die Heilige Pfeife reinigen und weiterreichen. Wir sprechen über die Heilige Frau die uns die sieben Rituale dieser heiligen Pfeife brachte, über das Band des ganzen Menschengeschlechtes und den Frieden auf der Mutter Erde; Pté San Wi, der alte Name der heiligen Frau, die sich ... vor langer Zeit aus einer Wolke in einen weißen Büffel verwandelte, aber heute immer noch lebendig ist. ...Wir versammeln uns, um das loszulassen, was uns belastet. ...Wir sprechen von alten Steinen, die, moosbedeckt, immer noch an ihrem Platz liegen. Vom modernen Menschen längst vergessen, reden wir darüber, wie wir das wieder zusammenbringen können. Die Tage werden nicht mehr gezählt. Wir sprechen über alte Zeremonien, den Geistertanz und wie die Erde sich sammeln wird, um den blühenden Baum erneut zu offenbaren. ...In unseren Träumen und Visionen sehen wir kleine Geisterlichter aus dem Nirgendwo, wie sie unseren Seelen ihre Geheimnisse zuflüstern. ...Wir sprechen von denen, die hinauf in die Berg gehen, nackt, nur mit einer Decke aus Sternen, um sich einzuhüllen und zu schützen. Mutter Erde wird unser Bett, die Wolken unsere Decke; Sucher der Wahrheit, niemand liegt zwischen uns außer dem, was uns schuf. Zur Sonne schauend tanzen wir, unser Fleisch durchbohrend, für unsere Schwestern betend, die im Schmerz Leben geben. Tränen strömen unsere Wangen hinab, auf dass zukünftige Generationen leben mögen, wir lernen den Großvater kennen, der alles hört..., und unsere Mutter, die alles hört... Die Kinder unter uns sind frei zu lachen und zu laufen, ohne den Laut des Zorns und ohne Grenzen. ...Wenn das Lied gesungen ist, erheben wir uns mit der Sonne, um den Mutterschoß noch einmal zu betreten. Wir kommen heraus, wissen, dass wir mit einer Vision ... unserer eigenen ...zu unsrem Leben zurückkehren.“
Der englische Begriff Sweat Lodge, Schwitzhütte, vermittelt kaum die Bedeutung der heiligen Inipi Reinigungszeremonie. In der Lakotasprahe bedeut Inipi: „Du solltest dich reinigen.“ Wir reinigen uns in der Inipihütte vor jedem heiligen Ritus. Eine Schwitzhütte zu betreten bedeutet neu geboren zu werden ; während des Aufenthalts dort betet man, um das Physische, das Spirituelle und das Geistige zu verbinden. Beten ist nicht das Hersagen von Worten: Wir wollen nicht, dass eure Gebete aus dem Gedächtnis oder aus einem Buch kommen. Wir wollen, dass eure Gebete aus der Tiefe eures Herzens kommen. ...Lasst uns lernen, unseren Geist zu öffnen, geduldig zu sein und uns gegenseitig zu helfen. Das sind die Lehren der Schwitzhüttenzeremonie: dem Weg der Wiedervereinigung zu folgen; Menschen zu sammeln und zu überlegen, was wir für die Mutter Erde tun können – nicht, was wir noch von ihr nehmen können. Unser Gott ist euer Gott, nur dass wir unserem Gott einen anderen Namen gegeben haben und uns ihm anders nähern.
Die Inpi Hütte ist ein Ort der Befreiung, der Vision und der Erlösung; sie soll Gleichgewicht schaffen. Die im Rahmen der Zeremonie gesprochenen Gebete richten sich nicht auf das Selbst, sondern auf die gesamte Schöpfung; sie dienen dazu, ich-zentriertes Denken abzulegen und sich mit der Mutter Erde und den anderen Elementarkräften Sonne, Feuer, Luft und Wasser und allem, was ist, zu verbinden und sich somit als kleiner Teil der Schöpfung zu erkennen und doch gleichzeitig als integraler Teil des Universums. Wenn wir in der Hütte für andere beten, tun wir das gleichzeitig für uns selbst, denn wir erkennen damit (teils unbewusst) das Göttliche in allem, was von Gott geschaffen wurde.
Es gibt viele Arten von Hüttenzeremonien von unterschiedlicher Dauer, doch die einfachste und stärkste und hier relevante, ist die Reinigungshütte.
Bau der Hütte
Für den Bau der Hütte wird ein ruhiger, abgelegener Platz ausgesucht, in dessen Nähe es Wasser gibt.
Aus gebogenen jungen Weidenruten wird nach einem vorgeschriebenen Muster ein Gestell gebaut. Von unten betrachtet stellt die Form der Kuppel den morgendlichen Sternenhimmel dar. Von oben betrachtet symbolisiert das Muster das Universum, die ganze Schöpfung, die Kräfte des Geistes in ihr. Im Zentrum der Hütte befindet sich eine Feuergrube. Sie wird für die erhitzten Steine verwendet, die in vorgeschriebener Anzahl und Folge hereingebracht werden.
Auf dem Boden der Hütte mit ca. 3 m Durchmesser wird ein Loch mit einem Umfang und einer Tiefe von sechzig Zentimetern für die heißen Steine gegraben. Die hier ausgehobene Erde wird rechts des Eingangs aufgehäuft und bildet einen Altarhügel außerhalb der Hütte. Das Weidengestell wird mit Fellen, Decken oder Planen abgedeckt. Der Boden der Hütte kann mit Moos (im Winter mit Decken) ausgelegt werden. „Ist die Schwitzhütte einmal fertig, so gleicht sie dem Bauch einer auf dem Rücken liegenden, schwangeren Frau. So kehren wir hier zugleich in den Bauch unserer Mutter oder den unserer Mutter Erde zurück“
Die Feuerstelle, in der die Steine erhitzt werden, liegt
sechs Schritte vom Initi (Lakotabezeichnung für das Holzgerüst)
entfernt und hat einen Durchmesser von etwa zwei Metern. Das
Feuer steht für die Sonne, die der Erde ihre Energie
schenkt. Es wird vom Hüter des Feuers (auch Feuermann
oder – frau genannt) vorbereitet, der vom Ritualleiter
– meist auf Grund seiner Erfahrung – ausgewählt
wird.
„Diese Steine stehen für unsere Vorfahren. Wir
treffen diese Wahl also mit größter Sorgfalt, da
es ich hier nicht um irgendwelche Steine handelt. Sie werden
gesegnet und wir achten sie, wie unsere Vorfahren. Deshalb
werden sie auch mit größtem Respekt und Bedacht
gehandhabt“ . Am geeignetsten sind Lava, Sandstein,
Granit oder ähnliches Gestein, da dieses in der Hitze
des Feuers nicht zerspringt.
Während die Steine im Feuer erhitzen, bereitet sich die Gruppe der Teilnehmer auf die weitere Zeremonie vor. In Stille und Andacht werden sogenannte Tobacco Ties gebunden. Kleine Baumwollquadrate in den heiligen Farben werden mit einer Prise Tabak gefüllt und vor dem Zubinden mit einem Gebet gesegnet. Die Gebete mit denen die Tobacco Ties gesegnet werden, sind ausschließlich für andere – für Freunde, Bekannte, die Familie, die Elemente, Mutter Erde, Regierungsoberhäupter und was immer wir in der Meditation für wichtig erachten. Jedoch nicht für uns selbst. Die Säckchen werden entweder zu einer langen Girlande verknüpft und beim Betreten der Hütte in das Gerüst gehängt oder später beim Abschluss der Zeremonie auf dem Feuer verbrannt. Durch das Verbrennen werden die Gebete frei und mit dem Rauch ins Universum und zum Großen Geist getragen, der diese dann erhört.
In der Hütte
Vor dem Betreten der Schwitzhütte sammeln sich alle Teilnehmer um das Feuer, um dann auf einem vorgeschriebenen Weg in die Hütte zu gehen. Beim Eintritt werden wir auf allen Vieren durch die niedrige Tür krabbeln müssen. Wir drücken damit unsere Demut und Achtung vor der Schöpfung und dem Ritual aus. Beim Eintreten in die Hütte sprechen wir „mitakuye oyasin“ – was sovie bedeutet wie, alle meine Verwandten oder ich bin mit allem verwandt. Wir krabbeln nun in Richtung des Sonnenlaufs bis wir zum nächsten besetzten Platz kommen und schließen von dort an auf, bis alle Plätze besetzt sind
Wenn alle Teilnehmer in der Hütte ihren Platz gefunden haben, bringt der Feuerhüter die heißen Steine mit einer Heugabel herein. Der Türvorhang wird geschlossen und es herrschen Dunkelheit und Stille im inneren der Hütte. Der Ritualleiter beginnt mit seinen Gebeten. Diese stehen zwar mit bestimmten Themen in Zusammenhang, sind aber an keine feste Form gebunden (siehe S. 20: „...wir wollen, dass Eure Gebete aus dem Herzen kommen). Eher ist es so, daß er intuitiv die Dinge anspricht, die die Menschen in der Hütte bewegen und die in aller Stille mitbeten. Nach jedem Gebet gießt der Ritualleiter Wasser über die Steine. Es werden alte, überlieferte Lieder gesungen.
Zwischen den einzelnen Gängen wird jeweils die Tür geöffnet. Während die Tür geöffnet ist, kann jeder seinen Sorgen, Gefühlen und Leiden Ausdruck geben, indem er seine Gebete, Wünsche und Befindlichkeiten laut ausspricht.
Nach der vierten Tür verlassen alle die Hütte. Meist sammeln sich die Menschen auf den umliegenden Wiesen um zu ruhen, bevor ein gemeinsames Essen eingenommen wird. In einer abschließenden Feedbackrunde hat jeder die Gelegenheit von seinen Erlebnisse, Erfahrungen, Gefühle, Ängste usw. zu berichten und mit der Gemeinschaft zu teilen.
Die Symbolik des Inipi
Archie Fire Lame Deer beschreibt die Symbolik der Schwitzhüttenzeremonie
als symbolischen Schöpfungsakt, was der Huldigung des
Schöpfers entspricht und dadurch die notwendigen Bedingungen
für eine harmonische und positive Entwicklung einer Frucht
auf allen Ebenen der Wirklichkeit, d.h. dem physischen, mentalen,
emotionellen und spirituellen Niveau bewirkt. Im Schwitzhüttenritual
wird der Mensch Zuschauer und zugleich Teilnehmer der ständigen
Neuschöpfung des Universums, der Planeten und allen Lebens.
in der Schwitzhütte treten die Teilnehmenden mit der
Welt der Steine, Pflanzen und Menschen in Kontakt.. Inipi
ist der Mutterleib, aus dem wir neu und rein wiedergeboren
werden. Es ist die lebende Verbindung zwischen Göttlichem
und Materie. So sind Erde, Wasser, Feuer und Luft durchaus
nicht voneinander getrennt, sondern formen sich gegenseitig
ständig um.

