Der Terroranschlag auf New York
Es scheint ein ganz normaler Tag in Downtown Manhattan zu werden. Das Wetter ist perfekt, tiefblauer Spätsommerhimmel, 20 Grad. Fast eine Million Office-Arbeiter haben ihre Pendelfahrten mit Zügen, Autos oder der Metro fast abgeschlossen. Der Tag scheint seinen gewöhnlichen Lauf zu nehmen. Niemand wusste oder ahnte auch nur, dass es eigentlich ein schrecklicher Tag wird. Für viele ein Tage der Trauer, des Schmerzes und der Angst. Tausende von Menschen haben nicht mal mehr die Gelegenheit, sich von ihren Angehörigen zu verabschieden.
Herbert Bauernebel, ein Augenzeuge des unfassbaren Tages, erzählt:
„Ich sitze in meinem Büro im 31. Stock eines Office-Gebäudes, checke die Morgenmails, trinke Kaffee. Wenige Blocks vor mir spiegelt sich die Sonne in Tower One in der Stahlkonstruktion des World Trade Centers. Ein eigenartiges Geräusch alarmiert mich: Flugzeugalarm, aber anders. Nach einigen Jahren gewöhnt sich das Jahr an dem Lärm des konstanten Airlinerstroms auf den Haupflugrouten über Manhattan zu den Großflughäfen. Diesmal klingt es jedoch anders. Ein Knall hallt durch die Häuserschluchten. Ich starre auf das World Trade Center, als die Flammen einer Explosion aus der Seite des Turmes schießen. Danach gespenstische Stille, der Wind treibt Bürounterlagen durch die Luft – Klopapier, Dokumente. Ich drücke fast blind die Telefontastatur für die Nummer der Wien-Redaktion. Ist es dringend? „Ein Flugzeug ist gerade in das World Trade Center gekracht“, schreie ich aufgeregt. Ich glaube nicht, dass ich richtig verstanden werde. Minuten später sendet CNN die ersten Bilder – der obere Teil des Tower One, 108 Stockwerke hoch brennt an zwei Seiten – eine schwarze Rauchwolke schwebt aus dem schwerbeschädigten Wolkenkratzer, der als Wahrzeichen der weltberühmten New-Yorker-Skyline aus bis zu 40 Kilometer Entfernung sichtbar ist. Ich diskutiere mit meinen Kollegen – wie sich nachher zeigen sollte – eher Banales. Umfang der Story, Headlines. Wieder dieses Geräusch. Ein dumpfes Rollen, wieder eine Explosion. Diesmal tiefer und auf Tower Two. Nun gibt es Klarheit. Das sind keine Pílotenfehler. Ein Terrorangriff auf die USA und ihre wichtigste Metropole New York.“
Jeweils um das 50. oder 80. Stockwerk klaffen mehrere Stockwerke hohe Löcher in die Struktur, Flammen lodern heraus. Trümmer fallen zu Boden. Aus dem unzerstörten Shopping-Center am Groundfloor kommt die Karawane der Überlebenden. Sie sind nass, viele weinen und andere versuchen via Handy Familienangehörige, Kollegen oder Freunde zu erreichen. Kaum Empfang. „Wo ist mein Mann? Wo ist mein Mann?“, schreit eine Frau. Die Polizei treibt die Leute weiter, raus aus dem Bezirk. „Move!Move!“
Trümmer flogen beim Fenster vorbei. „Nein! Nein! Nein!“, brüllt jemand, „sie springen! Sie springen!!!“. Ein Mensch an der Nordseite des Gebäudes fällt hinunter. Ein endloser Fall. Andere Überlebende schütteln nur den Kopf. „Sie stürzen ein! Sie stürzen ein!“ schreit ein anderer.
Plötzlich rennen Hunderte Menschen um ihr Legen, fallen nieder, rappeln sich wieder auf. Wie eine Staublawine rast die Schuttwolke heran. Es wird dunkel. Sehr dunkel. Pechschwarz. Die Lungen füllen sich weiter mit Staub, das Atmen fällt immer schwerer.
Nur einige Augenblicke später ist es still, nur das Husten anderer ist zu hören. Immer noch kein Licht. Wie viel Staub ist in der Luft? Wie stark ist der Wind? Müssen hier alle ersticken? Fragen, die zu jener Zeit noch niemand beantworten konnte. Die Leute sind geschockt.
Draußen beginnt sich der Staub etwas zu lichten, die Umrisse der Straßen sind zu sehen – am Boden liegen mehrere Zentimeter dicke Schicht mit weißer Asche.
Später kollabiert der zweite Turm. Die Staubwolke verdunkelt wieder den Himmel. Im TV rät Bürgermeister Rudy Giuliani, Downtown am Fußweg zu verlassen. Alle haben Staubmasken oder T-Shirts vor dem Mund. Ein endloser Strom an Menschen marschiert stumm über die Brücke. Am Ende drehen sich viele um, schauen geschockt auf die schwarzen Rauchfahnen, die noch immer den gesamten Finanzdistrict einhüllen. „Sie sind weg, einfach weg!“ stammelt jemand.
Viele Menschen verlieren ihre Angehörigen. Zu viele. Eine davon ist Rachel Uchitel, die ihren Verlobten verlor Der 28-jähre Angestellte befand sich in seinem Büro im 104. Stockwerk, als das Terrorflugzeug in den zweiten Turm raste. Seither hat Rachel nichts mehr von ihm gehört. „Er hat mich angerufen und mir gesagt, dass es im Turm gegenüber eine Explosion gegeben hat. Er war total geschockt, stand wohl wie gelähmt an seinem Platz.“ Das war sein letzes Lebenszeichen.
Mit Flugblättern in der Hand, auf den Fotos genau Beschreibungen des 28-jährigen sind, versuchte sie James Andrew zu finden:“ Wir wollten doch im kommenden Jahr heiraten. Ich hatte nicht einmal die Chance goodbye zu sagen.
Ronnie Clifford aus Cork in Irland hat das Inferno im World Trade Center wie durch eine Wunder überlebt. Er ist nach dem ersten Einschlag sofort aus dem Tower gelaufen. Dann kam die schreckliche Nachricht:
Seine 45-jährige Schwester Ruth Clifford McCount und ihre vierjährige Tochter Juliana befanden sich in jenem ersten entführten Flugzeug, das in den Turm gerast war. John Clifford, der Bruder von Ronnie und Ruth, dann die Tragödie nicht begreifen: „ Es ist unfassbar, dass meine Schwester in der Maschine war, die in das World Trade Center gerast war, während mein Bruder sich im Erdgeschoß befand. Und dann mussten wir erfahren, dass unsere Schwester und ihr wunderschönes Mädchen Tot waren.
Ein anderer Überlebende ist der Architekt Peter Black. Er befand sich gerade auf dem Weg in sein Büro in das World Trade Center, als das Unglück geschah. „Als ich hinsah, sind tatsächlich Menschen aus dem Turm gesprungen. Ich sah, wie sie auf der Straße aufschlugen, das werde ich in meinem Leben nie vergessen können.“
Einem Feuerwehrmann, der am World Trade Center war, liefen die Tränen übers Gesicht.“ Ich habe ein Jahr lang in Vietnam gekämpft und dort viele Menschen sterben sehen, aber nie war es so schlimm wie heute.“
An Bord des Flugzeugs, das in das Pentagon stürzte, befand sich CNN – Kommentatorin Barbara Olson, die kurz vor ihrem Tod noch mir ihrem Ehemann telefonierte. „Was soll ich dem Piloten sagen, was er tun soll?“, fragte sie ihren Mann, Der total am Boden zerstört ist.
Die Angehörigen werden wohl nie begreifen können, warum gerade sie davon betroffen sind. Sie schwören Rache.
Doch es wird Tage und Wochen dauern, um die Tragweite auch nur ansatzweise erfassen zu können.
